1,1 Milliarden Senioren bis 2035

Die demografische Alterung ist eines der Hauptthemen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jetzt liegen aktuelle Zahlen und Analysen des World Demographic & Ageing Forum WDA aus St. Gallen vor. Fazit: Langlebigkeit ist eine Tatsache. Es braucht dringend Massnahmen für die Lebensgestaltung, Gesundheits- und Altersvorsorge der alternden Bevölkerung.

Der Altersabhängigkeitsquotient (OADR) beleuchtet die vielfältigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Bevölkerungsalterung. Dieses einfache Instrument gibt die Anzahl von Rentenbezügerinnen und -bezügern im Verhältnis zu den Personen im erwerbsfähigen Alter an. Die Resultate sind alarmierend: Von 2020 bis 2035 wird der Anteil der Ü65-Jährigen in der Schweiz um 35 Prozent und jener der Generation 80+ um fast 46 Prozent zunehmen.

Und auch im benachbarten Europa sieht es nicht anders aus. Bis 2035 werden die Menschen im Pensionsalter in den meisten Staaten über ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Man geht davon aus, dass in Italien und Deutschland gar drei von zehn Menschen 65 Jahre oder älter sein werden. Ausser in Bulgarien (-0,3 %) nimmt der Anteil von Menschen 65+ kontinuierlich zu.

Die Ü65-Jährigen sind eine heterogene Gruppe bezüglich Gesundheit und Pflegebedürftigkeit. Daher wird zwischen jungen Alten (65-79) und den ältesten «fragilen» Alten (80+) unterschieden. Dabei ist Europa noch gar nicht der Ort der schnellsten Alterung. Die findet gemäss der neusten WDA-Analyse bis 2035 nämlich in Asien statt, mit 60 Prozent der Weltbevölkerung der heute schon bevölkerungsreichste Kontinent.

Ursachen bekämpfen oder sich anpassen?

Die Bevölkerungsalterung lässt sich abmildern, indem man auf ihre Ursachen einwirkt oder indem man sich an sie anpasst. Grundsätzlich bestimmen drei demografische Prozesse die Grösse und Altersstruktur einer Bevölkerung: Fruchtbarkeit, Migration und Sterblichkeit. Während die ersten beiden schwierig zu steuern sind, ist die Sterblichkeit beeinflussbar.

Aus dieser Problemstellung heraus sind Wissenschaft, Politik und die Gesellschaft in Zukunft mit diesen dringenden Fragen konfrontiert:

  • Wie können wir länger leben, unsere Gesundheit verbessern und die Schwere der Auswirkungen des Alters abmildern?
  • Wie können umlagefinanzierte soziale Sicherungssysteme zukünftig finanziert werden?
  • Wie können öffentliche und private Arbeitgeber den Verlust an Personal und Humankapital adäquat ersetzen, da weitaus mehr Personen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als nachfolgen?
  • Wie können die Menschen so viel Wohlstand bilden, um ihr langes Leben auch zu finanzieren?

Mit dem «Global Longevity Council» hat das WDA ein Positionspapier geschaffen, das die demografischen Grundlagen bis 2035 zu Langlebigkeit, Chancen und Bedrohungen aufzeigt. Für die Studie untersucht wurden 31 Länder, die 2020 70 Prozent der Weltbevölkerung ausmachten.

Diese Darstellung zeigt, wie sich die Bevölkerungdichte bis 2035 auf den einzelnen Kontinenten entwickeln wird.
Quelle: WDA Forum

«Es braucht einen Wandel in unseren Denkmustern»

Regina Regenass ist Managing Director am World Demografic & Ageing Forum in St. Gallen. Im SWICA-Interview spricht sie über die Folgen der demografischen Entwicklung für die Schweiz.

Frau Regenass, was ist auffällig an der demografischen Situation der Schweiz?

«Die Bevölkerung wächst weiter, trotz anhaltend niedriger Geburtenraten. Ursache sind die Migration und eine immer längere Lebenserwartung. Von 2020 bis 2035 wird der Anteil der 15- bis 64-Jährigen um 9,4 Prozent abnehmen, während der Anteil, der über 65-Jährigen um 35 zunimmt. Eine besonders hohe Wachstumsdynamik wird für die Generation 80+ prognostiziert: Ihr Anteil wird um 45,7 Prozent zunehmen. Im Jahr 2035 werden 7,7 Prozent der Schweizer Bevölkerung 80 Jahre und älter sein.»

Was bedeutet das?

«Die demografische Alterung beeinflusst zunehmend die Wettbewerbsvorteile der Schweiz und die Tragfähigkeit der sozialen Sicherheitssysteme. Weiterhin Wohlstand zu schaffen, bleibt eine grosse Herausforderung; diese schliesst auch die Solidarität zwischen den Generationen mit ein. Individuelle und familiäre Lebenszyklen sind immer auch intergenerationelle Beziehungen; und diese wechselnden Abhängigkeiten und Co-Existenzen sind für eine funktionierende Gesellschaft unabdingbar.

Unsere Sozialsysteme sind auf dieser gegenseitigen Solidarität aufgebaut. In einer Gesellschaft mit einem hohen Anteil von älteren Menschen, kann der Ausgleich nicht nur zulasten der Jungen funktionieren. Ein flexiblerer Umgang hin zu einem längeren Erwerbsleben, welches sich an die veränderte Lebenserwartung der Bevölkerung anpasst, drängt sich dabei auf.»

Was können wir tun?

«Um eine alternde Bevölkerung zu finanzieren, muss die Schweiz das Humankapital des längeren Lebens bei guter Gesundheit nutzen. Ein breiter öffentlicher Diskurs über die wesentlichen Impulse zu Gesundheitsvorsorge, Lebensgestaltung und innovativen Pensionierungsmodellen kann uns vor der Erstarrung befreien. Die Art und Weise, wie wir über das Lebensalter denken, entspricht nicht mehr der Realität. Die stereotypen Altersbilder verlieren ihre Gültigkeit: Menschen fühlen sich gegenüber dem effektiven und aufgrund dem gefühlten Alter zwischen 64 und 75 Jahren um zirka 10 Prozent jünger.

Es braucht einen Wandel in unseren Denkmustern hin zu einem individuellen 'Life Design'. Viele der heute 65+ sind auch bereit, über das aktuelle Rentenalter zu arbeiten. Ein längeres Erwerbsleben gekoppelt mit einer Flexibilisierung/Erhöhung des Rentenalters ist in einer langlebigen Gesellschaft unumgänglich. So bleiben der Wirtschaft und Gesellschaft wertvolles Humankapital erhalten und die Frage der Finanzierbarkeit eines längeren Lebens wird entschärft. Wir brauchen eine neue Sicht auf ein «langes, gelingendes Leben.»

* Regina Regenass war vor ihrem Engagement am WDA Forum mehr als 32 Jahre in der Finanzbranche tätig, wo sie international verschiedene Positionen im Personalwesen innehatte, unter anderem bei der UBS. Sie war lange Zeit Präsidentin der Basler Gesellschaft für Personalmanagement.

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