Virus auf dem Vormarsch
«Es ist noch nicht eindeutig, ab wann man ansteckend ist»

Die Ansteckungen mit den Affenpocken in Europa nehmen zu. Auch in der Schweiz gibt es bereits erste Infizierte. Wie das Virus aus Afrika übertragen wird, welche Symptome es hervorruft oder wie es behandelt wird – Antworten im Interview mit Dr. med. Silke Schmitt Oggier, Chefärztin Telemedizin santé24.

Frau Schmitt Oggier, wir haben bereits zwei Fälle von Affenpocken in der Schweiz – eine neue Pandemie?

Ich hoffe es nicht. Bis jetzt macht es auf jeden Fall nicht den Anschein – zumal die Ansteckungswege anders sind. Diese sind bei Mensch-zu-Mensch-Übertragung nach heutigem Wissensstand Tröpfcheninfektionen, bei denen die Krankheitserreger beim Niesen, Husten oder Sprechen über winzige Speicheltröpfchen von dem Gegenüber eingeatmet werden, oder direkter Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder dem Hautausschlag. Es braucht also schon sehr nahen Haushalts- oder Sexualkontakt mit einer angesteckten und schon symptomatischen Person. Da sich die Erkrankung momentan jedoch schneller verbreitet, als erwartet, wird gerade abgeklärt, ob auch ein Kontakt über die Schleimhäute eine weitere Übertragungsart sein könnte. Das wäre dann vergleichbar mit den Humanen Papillomviren (HPV).

Welche Impfstoffe gibt es und was nützen sie?

Es gibt die altbekannten Pockenimpfstoffe, die anscheinend auch gegen die Affenpocken wirksam sind. In der Armeeapotheke ist von diesem Impfstoff noch genügend gelagert, um die Bevölkerung impfen zu können. Jedoch treten bei dieser Impfung auch Nebenwirkungen auf. Es gibt aber einen neueren Impfstoff, der in der Europäischen Union (EU) bereits zugelassen ist. In der Schweiz ist bei Swissmedic, der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, noch kein Antrag gestellt worden, weshalb das Mittel noch nicht genehmigt ist. Dies lässt vermuten, dass der Schweizer Markt für die Hersteller wenig interessant war. Dasselbe gilt für ein antivirales Medikament, das für die Behandlung von Affenpocken in der EU ebenfalls eingesetzt wird.

Es gibt zwar schon erste Studien, ansonsten sind die Erfahrungswerte im Zusammenhang mit dieser neuen Impfung und dem antiviralen Medikament noch nicht sehr hoch. Man geht aber bei der Impfung und beim antiviralen Medikament von einer guten Wirkung aus. Soweit ich gehört habe, klärt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktuell ab, ob bestimmte Spitäler trotz fehlender Zulassung in schwierigen Fällen diese Impfung und das Medikament verabreichen könnten.

Abgesehen von der Impfung und des antiviralen Medikaments: Wie kann man sich schützen?

Die diagnostizierten Fälle erhalten entsprechende Anweisungen. Sie müssen sich in Isolation begeben und enge Kontaktpersonen informieren. Für diese Kontaktpersonen ist momentan noch keine Quarantäne notwendig. Es ist noch nicht eindeutig, ab wann genau man ansteckend ist – auf jeden Fall, sobald man Symptome aufweist. Ob nicht schon vorher, ist noch nicht ganz klar, denn bei vielen Krankheiten kann man den Erreger schon in einer Vorphase weitergeben. Sobald man Symptome hat, dies sind hohes Fieber, starke Kopf- und Rückenschmerzen, starke Müdigkeit sowie Abgeschlagenheit und typischerweise Lymphknotenschwellungen am Hals und in der Leiste, sollte man sich nicht mehr unter Leute begeben. Auf diese grippeähnlichen Krankheitszeichen folgt ein Ausschlag, der im Gesicht anfängt und sich von dort über den Körper inkl. Handteller und Fusssohlen ausbreitet. Die Genitalregion kann auch befallen sein. Der Ausschlag beginnt mit rötlichen Erhebungen, verändert sich zu Knötchen und dann zu wassergefüllten Bläschen wie bei den wilden Blattern (Windpocken). Zuletzt bilden sich eitergefüllte Bläschen, bevor der entstandene Hautdefekt dann verkrustet. Nebst der Frage, ob das Virus auch über Schleimhautkontakt übertragen werden kann, nimmt man an, dass es zum Beispiel auf befallenen Hautschuppen oder durch aus den Bläschen ausgetretene Flüssigkeit auf unbelebten Oberflächen – etwa auf dem Bettlaken – relativ lange überlebt.

Bei MSM* ist momentan eine schnellere Verbreitung feststellbar, was für die Ansteckung über die Schleimhäute sprechen könnte. Bewegt man sich in dieser Community, sollte man sich vor Kontakt mit Personen, die man gar nicht kennt und deren Gesundheitszustand man nicht einschätzen kann, schützen. Es ist aber keine Bedrohung für die Allgemeinheit bzw. für nicht enge Kontakte.

Man sollte nicht aufgrund der Corona-Erfahrungen hysterisch reagieren. Silke Schmitt Oggier, Chefärztin Telemedizin santé24

Wie lässt sich der Ausschlag behandeln?

Es gibt keine spezifischen Behandlungsmittel. Man sollte die betroffenen Stellen kühlen und mildern, aber vor allem eine bakterielle Superinfektion verhindern. Wenn die eitrig gefüllten Blasen platzen, können Bakterien in die offene Haut eindringen und eine Superinfektion auslösen. Dies kann dann nur mit Antibiotika behandelt werden. Ich nehme an, dass man die Haut wie bei den wilden Blattern pflegt: Die Haut kühlen und die Bläschen eintrocknen. Der Unterschied zu den wilden Blattern ist, dass die Bläschen nicht jucken.

Sind die Affenpocken gefährlich für jemanden, der die Windpocken noch nicht hatte?

Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Der Verlauf der Affenpockenerkrankung ist verglichen zu den Windpocken langwieriger. Es dauert etwa drei bis vier Wochen, bis die letzten Hautkrusten abgefallen sind und man nicht mehr ansteckend ist. Normalerweise hinterlässt es aber keine Narben. Windpocken sind für Erwachsene gefährlicher als für Kinder. Bei den Affenpocken gibt es die mildere und weniger ansteckendere westafrikanische und die gefährlichere zentralafrikanische Variante. Die bisher aufgetretenen Fälle weltweit lassen sich auf die erste Variante zurückführen. Vor allem Kinder und Jugendliche aber auch Immunsupprimierte sind gefährdeter für einen schweren Verlauf. Im Normalfall braucht es aber keine Hospitalisierung. Wenn die Augen betroffen sein sollten, sind die Patientinnen und Patienten auf gute Unterstützung durch Augenärztinnen und Augenärzte angewiesen.

Wie hilft SWICA betroffenen Versicherten?

Am einfachsten ruft man bei santé24 an. Wir klären mit der betroffenen Person telefonisch ab, ob es einen Verdachtsfall bei nahen Kontaktpersonen gibt oder eine Verhaltensweise vorliegt, die drauf hinweist, dass man sich angesteckt haben könnte. Fotos sind bei einem Ausschlag auch immer hilfreich. Bei den Affenpocken gibt es die bereits erwähnten typischen Verteilungsmuster des Ausschlags: Sollte sich der Verdacht auf eine Ansteckung tatsächlich erhärten, sind Untersuchungen vom Hautausschlag, die man am besten auf dem Notfall eines Zentrumsspitals durchführen lässt, notwendig. Eine telefonische Voranmeldung ist in dem Fall sinnvoll, damit das Personal vorbereitet ist und man Ansteckungen verhindern kann. Auch der kantonsärztliche Dienst und das BAG müssen sehr schnell informiert werden.

Ich denke, wichtig zu wissen ist, dass es die Affenpocken schön länger ausserhalb von Afrika gibt. Es ist nichts grundsätzlich Neues. Aufgrund der Corona-Pandemie sind sowohl die Betroffenen, als auch wir Ärzte noch aufmerksamer geworden, was im Prinzip eine gute Entwicklung ist. Man sollte einfach nicht aufgrund der Corona-Erfahrungen hysterisch reagieren.


*MSM = Men who have sex with men (Männer, die sexuellen Kontakt mit Männern haben)

Ursprung der Affenpocken

Erster Ausbruch: 1970 infizierte sich ein Baby

Der erste beschriebene Krankheitsfall betraf 1970 ein neun Monate altes Kleinkind im Kongo. In der Folge kam es in elf weiteren afrikanischen Ländern lokal immer wieder zu Affenpocken-Ausbrüchen. Der erste nicht direkt importierte Vorfall ereignete sich 2003 in den USA. Damals erkrankten 70 Menschen am Virus. Der Erreger war zuvor über einen Importeur für exotische Kleinsäugetiere aus Ghana eingeschleppt worden.

Zu weiteren Erkrankungsfällen kam es im September 2018 in Israel, im Mai 2019 in Singapur und in Grossbritannien sowie im Juli und November 2021 in den USA. In allen Fällen wurde die Krankheit durch Reisende aus Nigeria eingeschleppt.

Ganz anders gelagert ist die Situation im aktuellen Affenpocken-Ausbruch. Das Virus wird mittlerweile aus mehreren europäischen Ländern gemeldet. Darunter die Schweiz, Deutschland, Österreich, Spanien, Portugal, Belgien und Schweden. Auffallend: Bei den Erkrankten handelt es sich um Personen ohne direkten Kontakt zu Reisenden aus den bekannten Affenpocken-Gebieten.

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