Verlorene Impfdaten
«Eher Impfung als Bestimmung von Antikörperwerten»

Rund 300'000 Menschen hatten bei meineimpfungen.ch ihre Impfungen erfasst. Nachdem Sicherheitsprobleme rund um die Plattform publik wurden, ging die Stiftung hinter dem Online-Angebot Konkurs. Alle auf der Plattform gespeicherten Daten sind verloren. Was Betroffene nun tun können, erklärt Chefärztin Telemedizin von santé24, Dr. med. Silke Schmitt Oggier.

Frau Schmitt Oggier, wie organisiert man seine Impfdaten am besten?

Impfausweis ausstellen lassen, einscannen oder kopieren und elektronisch oder physisch an mehreren Orten ablegen.

Was raten Sie Menschen, die ihre Impfdaten verloren haben?

Wenn man sich immer oder zumindest lange Zeit beim selben (Kinder-)Arzt hat impfen lassen und dieser noch praktiziert, ist es sicherlich am einfachsten, dort nach den Impfdokumentationen zu fragen. Ansonsten kann man versuchen, beim letzten Arzt oder bei der letzten Institution, bei der man sich an eine Impfung erinnert, nachzufragen, ob sie Notizen zum damaligen Impfstatus gemacht haben.

Wie soll man vorgehen, falls das nicht hilft?

Schulärzte oder schulärztliche Dienste haben oft auch Impfdokumentationen, weil sie ja auch Impfungen kontrollieren und anbieten. Für die Grundimmunisierung im Kindesalter kann man die Eltern fragen, ob sie alles nach offizieller Empfehlung haben impfen lassen oder ob sie irgendwelche Impfungen bewusst nicht machen lassen wollten. Klare Aussagen zur Grundimmunisierung werden hierzulande normalerweise auch ohne Dokumente akzeptiert. Es gibt aber Reiseländer, die bei bestimmten Impfungen wie zum Beispiel Masern-Mumps-Röteln, den Impfausweis mit Stempel sehen wollen. Dann bleibt einem nur die Nachimpfung.

Haben Sie noch einen weiteren Tipp zum Finden der eigenen Impfdaten?

Meistens erinnert man sich selber, ob man sich in der Oberstufe im Rahmen der Schularztuntersuchung hat impfen lassen. Danach nimmt die Impffrequenz in der Regel ab. Die Impfungen sind nicht selten an eine ferne Auslandsreise gekoppelt, an die man sich vielleicht noch besser erinnert. Eine Starrkrampf-Auffrischungsimpfung wird zum Teil auch nach offenen Verletzungen und Tierbissen durchgeführt. Auch daran erinnert man sich nicht selten. santé24 bietet eine kostenlose Impfsprechstunde für SWICA-Versicherte an, in der es eine Beratungen sowohl zu den regulären als auch zu den speziell für Reisen empfohlenen Impfungen gibt.

Bei welchen Impfungen sollte man, ohne die Vorgeschichte zu kennen, vorsichtig sein?

Bei der Diphtherie-Tetanus-Impfung wird nach den ersten Impfungen der Diphtherie-Anteil reduziert, da es vermehrt lokale Nebenwirkungen am Impfarm geben kann, je häufiger man impft. In den Erwachsenen-Impfstoffen ist dieser Anteil aber sowieso reduziert. Bei allen Impfungen ist es so, dass man höchstens mit etwas mehr Nebenwirkungen rechnen muss, falls der Antikörpertiter (Anzahl bestimmter Antikörper im Blut, Anm. der Red.) doch noch relativ hoch wäre. Mehr passiert in der Regel aber nicht, weshalb man bei fraglichen Impfvorgeschichten grundsätzlich eher zur Impfung rät als zur vorherigen Bestimmung der Antikörperwerte.

Es gibt Reiseländer, die bei bestimmten Impfungen den Impfausweis mit Stempel sehen wollen. Dann bleibt einem nur die Nachimpfung.

Silke Schmitt Oggier, Chefärztin Telemedizin santé24
meineimpfungen.ch

Daten-Debakel bei privater Impfdatenplattform

Mit seinem Entscheid im Mai zog der eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Adrian Lobsiger bei meineimpfungen.ch die Reissleine. Er hielt damals in seiner Erklärung fest: «Es kann nicht sein, dass man unter dem Druck eines Konkursverfahrens hüftschussartige Lösungen findet und das Problem einem Privaten weitergibt.»

Eigentlich hätten die Impfdaten der rund 300'000 Personen verkaufte werden sollen. Der Grund: Die Stiftung hinter der Onlineplattform befindet sich in einem Konkursverfahren. Da aber viele Datensätze gemäss Lobsiger in einem «himmeltraurigen Zustand» und immer noch ungenügend geschützt seien, könne er dies einfach nicht verantworten.

Die Daten befänden sich derzeit, laut dem zuständigen Konkursamt Bern-Mittelland, auf einer Harddisk. Gelöscht werden sie frühestens, wenn das Konkursverfahren beendet ist und Datenschützer Lobsiger beim Konkursamt offiziell ein entsprechendes Gesuch stellt.

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