Manche Sporteinheiten fühlen sich leicht an. Und an anderen Tagen wirkt dasselbe Training überraschend anstrengend. Neben Schlaf, Stress oder Ernährung könnte auch ein Faktor eine Rolle spielen, der lange kaum beachtet wurde: der Menstruationszyklus.
Die Laufrunde, die letzte Woche eine Leichtigkeit war, ist heute plötzlich unangenehm anstrengend. Im Fitnessstudio wirken die Hanteln schwerer als üblich – und bereits beim nächsten Training läuft plötzlich alles wieder mühelos. Sportliche Leistungsschwankungen gehören dazu und werden in der Regel durch Faktoren wie Schlaf, Stress, Ernährung oder unzureichende Erholung verursacht. Für Frauen kommt jedoch ein weiterer Umstand hinzu: die hormonellen Veränderungen während des Menstruationszyklus.
In der Sportwissenschaft spielte dieser Aspekt lange eine untergeordnete Rolle. Das hat seine Gründe, denn Frauen waren in sportmedizinischen Studien über Jahrzehnte hinweg untervertreten. Selbst im Jahr 2022 wurden rund ein Drittel aller Studien ausschliesslich mit männlichen Probanden durchgeführt, wie Swiss Olympic festhält. In den vergangenen Jahren wurde dieses Missverhältnis aufgebrochen und auf die Frage, inwiefern sich der weibliche Zyklus auf das Training und sportliche Leistungen auswirkt, wurde nach Antworten gesucht. Die bisherigen Resultate sprechen (noch) keine klare Sprache.
Möglicherweise ja, aber nicht bei allen Frauen gleich stark – so lautet zumindest die simplifizierte Antwort. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass hormonelle Schwankungen unterschiedliche leistungsrelevante Faktoren beeinflussen können. Dazu gehören beispielsweise das eigene Energielevel, die Regenerationsfähigkeit, Kraft und Bewegungskoordination im Allgemeine oder die Temperaturregulation des Körpers. Dahingegen zeigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch auch, dass es keinen allgemeinen Konsens dieser Effekte gibt.
Manche Frauen spüren während den Zyklusphasen Symptome wie Müdigkeit, Schlafprobleme oder generelle Menstruationsbeschwerden. Andere hingegen nehmen kaum Veränderungen wahr. Auch das Alter, persönliche Stresslevels, Ernährungsweisen, der allgemeine Trainingszustand oder hormonelle Verhütungsmittel beeinflussen das Empfinden des Zyklus. Diese Diskrepanz ist für die Forschung anspruchsvoll, weil sie eine allgemeingültige Handlungsempfehlung erschwert.
Der Menstruationszyklus ist ein biologischer Rhythmus, der den gesamten Körper beeinflusst. Verantwortlich dafür ist die unterschiedliche Wirkung verschiedener Hormone, die im Verlauf des Zyklus unterschiedlich stark ausgeschüttet werden. Allen voran dominieren Östrogen und Progesteron im weiblichen Körper.
Östrogen steigt in der ersten Zyklushälfte an und erreicht kurz vor dem Eisprung seinen Höchststand. Während dieser Phase beeinflusst das Sexualhormon die Fortpflanzung, beeinflusst aber auch Stoffwechselprozesse, erweitert die Blutgefässe und hat einen Schutzmechanismus für das Nervensystem inne. Nach dem Eisprung übernimmt das zweite, weibliche Sexualhormon Progesteron die Hauptarbeit. Es sorgt unter anderem für eine erhöhte Körpertemperatur und bereitet den Körper auf eine potenzielle Schwangerschaft vor. Der physische Energieverbrauch steigt während in dieser Phase leicht an.
Auf Basis dieses hormonellen Wechselspiels befasst sich die Forschung gemäss Bundesamt für Sport (BASPO) damit, inwiefern sich der weibliche Zyklus auf die sportliche Belastbarkeit, die Regenerationszeit oder das subjektive Leistungsgefühl auswirkt. Erste Erkenntnisse deuten auf Zusammenhänge hin, zeigen aber auch grosse individuelle Unterschiede – ähnlich wie beim Empfinden des Menstruationszyklus im Generellen.
Von September bis Oktober nimmt sich der SWICA-Newsroom dem Fokusthema «Frauengesundheit» an. Dabei werden die beiden frauenspezifischen Themen Endometriose und Menopause aus politischer, psychologischer und gesundheitlicher Perspektive beleuchtet.
Die Beiträge finden sich in der SWICA-Gesundheitswelt.
Der Zyklus wird dennoch immer mehr berücksichtigt, was sich vor allem im Spitzensport zeigt. So erfasst beispielsweise das Schweizer Frauen-Fussballnationalteam seit einigen Jahren zyklusbezogene Daten ihrer Spielerinnen. Die Athletinnen dokumentieren unter anderem ihre Energie, Regeneration, Belastbarkeit und mögliche Beschwerden. Das Ziel dabei ist, Einsicht in individuelle Muster zu gewinnen. Diese wiederum haben einen Einfluss ins Training, in die Erholung sowie die Ernährung.
Für Freizeitsportlerinnen kann dieser Ansatz ebenfalls hilfreich sein. Mit der Beobachtung des eigenen Zyklus über mehrere Monate können zusätzliche Informationen über den Körper gewonnen werden. Das gibt nebst Schlafrhythmen, Erholungsprotokollen und subjektiven Belastungsempfinden eine weitere Orientierungshilfe für effiziente Sporteinheiten.
Ein besonderes Augenmerk auf ihr Training sollten Frauen mit Endometriose – eine chronische, schmerzhafte Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut – legen. Die Krankheit verursacht während bestimmter Zyklusphasen oft starke Beschwerden. Dennoch kann Bewegung sinnvoll sein. Moderate Aktivitäten wie Spazieren, Schwimmen, Velofahren oder Yoga wirken of entlastend. Wie intensiv Sport möglich ist, hängt jedoch auch in diesem Fall von der individuellen Situation ab. Bei starken Schmerzen sollte stets eine Fachperson beigezogen werden.
Lange galt der Menstruationszyklus im Sport als beiläufiges Randthema und wird auch heute noch tabuisiert. Stand heute rückt er jedoch zunehmend als Gesundheits- und Leistungsthema in den Fokus: Je besser der weibliche Körper verstanden wird, desto klarer zeigt sich, dass Frauen andere physiologische Voraussetzungen haben als Männer. Und dass diese für ein effektives Training, die Regeneration und die Leistungsfähigkeit Relevanz haben.
Letztendlich ist der Menstruationszyklus kein Trainingsplan, an dem man sich fix orientieren kann. Allerdings kann er wichtige Hinweise darauf liefern, wie sich Belastung, Erholung und Wohlbefinden verändern. Wer die hormonellen Signale bewusst wahrnimmt, gewinnt nicht nur ein besseres Verständnis für den eigenen Körper, sondern in der Regel auch einen bewussteren Umgang mit dem Training.
«In der ersten Zyklushälfte kann es sinnvoll sein, vermehrt intensivere Trainingsreize einzuplanen, zum Beispiel intensive Ausdauereinheiten sowie schnelle oder explosive Bewegungen und Sprünge. In der zweiten Zyklushälfte kann der Fokus vermehrt auf der Ansteuerung und Koordination liegen. Beispielsweise darauf, Bewegungen bewusst und kontrolliert auszuführen.»
Kim Zwygart
Bewegungsberaterin, Onlinepraxis santé24Der Zyklus beginnt mit der Menstruation. Die oberste Schicht der Gebärmutterschleimhaut und die unbefruchtete Eizelle werden abgestossen, wenn es nicht zu einer Schwangerschaft gekommen ist. Die Hormone Östrogen und Progesteron sinken. Stimmungsschwankungen, Krämpfe, Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen sind typische Beschwerden.
Während der Menstruation sind leichte Bewegung wie Spazieren oder sanftes Yoga empfehlenswert. Der Körper braucht etwas mehr Ruhe in dieser Phase, entspannende Workouts sind also vorzuziehen.
Der Östrogenspiegel steigt wieder an, was die Stimmung verbessert und wodurch mehr Energie besteht. In der Follikelphase reift eine Eizelle heran und die Gebärmutterschleimhaut baut sich wieder auf. Durch den höheren Hormonspiegel fühlen sich viele Frauen besser und fitter. Zudem steigert die Konzentrationsfähigkeit.
Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für ein richtig forderndes Workout. Durch die volleren Energiespeicher und die gute Laune liegt mehr Betätigung drin. Das Workout wird sich extra auszahlen, denn die Hormone sind auch gut für den Muskelaufbau. Ausserdem unterstützt es auch das emotionale Wohlbefinden.
Mit dem Eisprung ist der Höhepunkt des Zyklus erreicht. Der Östrogenspiegel sinkt langsam und die Eizelle ist während 12 bis 24 Stunden befruchtungsfähig. Viele Frauen fühlen sich jetzt am besten. Die Energie ist körperlich sowie mental hoch.
Die positiven Effekte des Zyklus sollten genutzt werden. Krafttraining oder andere sehr anstrengende Sporteinheiten finden hier ihren Platz.
Nach dem Eisprung sinkt der Östrogenspielgel und das Progesteron steigt an, es gibt also einen Wechsel bei den Hormonen. Dies kann zu Stimmungsschwankungen und anderen Symptomen wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Brustspannen führen.
Diese Phase sollte wieder etwas ruhiger angegangen werden. Leichte Bewegung wie Yoga können helfen, das Gleichgewicht zu finden. Bewegung, die die Herzfrequenz etwas erhöht, kann bei Stimmungsschwankungen oder Schmerzen helfen.