Warum werden psychische Krisen bei manchen Menschen früh erkannt, während sie bei anderen lange verborgen bleiben? Psychische Belastungen können sich unterschiedlich äussern und werden nicht immer gleich wahrgenommen. Auch das Geschlecht kann dabei eine Rolle spielen.
Traurigkeit, Stress, Erschöpfung oder Gereiztheit gehören zum Leben dazu. Werden solche Zustände dauerhaft oder beeinträchtigen sie den Alltag, können sie auf eine psychische Belastung hinweisen. Allerdings zeigen sich diese nicht bei allen Menschen gleich.
So berichten Frauen statistisch gesehen häufiger von Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Schlafproblemen oder Erschöpfung. Bei Männern können Belastungen häufiger über Reizbarkeit, Rückzug oder Risikoverhalten sichtbar werden. Weil diese Signale aber oft nicht als Warnzeichen erkannt werden, bleiben psychische Probleme bei ihnen häufig länger unerkannt.
Ähnlich wie bei körperlichen Erkrankungen können sich auch psychische Belastungen und Erkrankungen zwischen Menschen unterschiedlich zeigen. Das Geschlecht kann dabei ein Einflussfaktor sein. Zu sagen, dass die Unterschiede rein auf die Biologie zurückzuführen sind, wäre allerdings zu kurz gegriffen.
«Die Unterschiede entstehen durch ein Zusammenspiel biologischer und gesellschaftlicher Faktoren.»
Birgit Schmid
Psychotherapeutin und Leiterin Psychologie, Onlinepraxis santé24Körperliche Voraussetzungen, Hormone und gesundheitliche Risiken spielen eine wichtige Rolle. Doch auch gesellschaftliche Faktoren prägen die psychische Gesundheit. Frauen sind laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) häufiger von Sexismus und sexueller Belästigung betroffen. Zudem leisten sie mehr unbezahlte Haus- und Familienarbeit. Zusammen mit gesellschaftlichen Rollenbildern kann dies beeinflussen, wie psychische Belastungen erlebt, ausgedrückt und behandelt werden.
Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungen und Vorurteile. «Es gibt etwa das Vorurteil, Frauen seien emotionaler und weniger belastbar», so Schmid. Zudem werden Beschwerden von Frauen teilweise anders wahrgenommen und eingeordnet als jene von Männern.
Gleichzeitig fällt es vielen Frauen leichter, psychische Belastungen zu benennen und Unterstützung in Anspruch zu nehmen: «Frauen sind stärker darin sozialisiert, Gefühle wahrzunehmen, darüber zu sprechen und Unterstützung zu nutzen.» Dadurch werden psychische Belastungen bei ihnen oft früher sichtbar.
Von Männern wird oft erwartet, stark, rational und selbständig zu sein. «Deshalb suchen manche Männer spät Hilfe oder drücken ihre Belastung eher indirekt aus», erklärt die Psychotherapeutin. So würden Angst, Hilflosigkeit oder das Bedürfnis nach Unterstützung bei ihnen eher übersehen.
Zudem können Belastungen wie Einsamkeit, Ängste, Trennungskrisen oder problematischer Alkohol- und Substanzkonsum bei Männern leichter unbemerkt bleiben. «Gerade deshalb sollten Veränderungen im Verhalten, Hoffnungslosigkeit und Äusserungen wie ‹Es hat alles keinen Sinn mehr› immer ernst genommen und direkt angesprochen werden.»
Schmid betont allerdings auch, dass solche Unterschiede als Tendenzen zu verstehen sind: «Innerhalb der Geschlechter gibt es grosse Unterschiede.» Non-binäre und trans Personen können zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sein. Diese entstehen häufig nicht durch die Geschlechtsidentität selbst, sondern durch Diskriminierung, gesellschaftliche Stigmatisierung, mangelnde Akzeptanz oder Hürden beim Zugang zu einer passenden Gesundheitsversorgung.
Geschlecht ist zudem nur einer von vielen Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen. Auch Kultur, Alter, Bildung, Einkommen, Migration, sexuelle Orientierung und soziale Absicherung spielen hier eine wichtige Rolle. Sie prägen mit, wie Belastungen erlebt, wahrgenommen und behandelt werden.
Psychische Belastungen haben also viele Gesichter. Deshalb lohnt sich ein individueller Blick auf die persönliche Lebenssituation, statt sich an Stereotypen zu orientieren.
Von September bis Oktober nimmt sich der SWICA-Newsroom dem Fokusthema «Frauengesundheit» an. Dabei werden die beiden frauenspezifischen Themen Endometriose und Menopause aus politischer, psychologischer und gesundheitlicher Perspektive beleuchtet.
Die Beiträge finden sich in der SWICA-Gesundheitswelt.
Einzelne Ausdrucksformen werden in bestimmten Gruppen häufiger beobachtet, können aber bei Menschen aller Geschlechter auftreten.
Anhaltende Erschöpfung
Niedergeschlagenheit
Ängste
Schlafprobleme
Konzentrationsschwierigkeiten
Sozialer Rückzug
Reizbarkeit
Einsamkeit
Erhöhter Konsum von Alkohol oder Substanzen
Übermässiges Arbeiten
Vermeidungsverhalten