Die Frauenwahl – ein Wendepunkt in der Gesundheitspolitik für Frauen?

Von Endometriose über Menopause bis hin zur Gendermedizin: Themen der Frauengesundheit beschäftigen die Schweizer Politik heute mehr denn je. Doch der Weg dorthin war steinig. Historische Forschungslücken, gesellschaftliche Debatten und parlamentarische Vorstösse haben gemeinsam dazu beigetragen, dass die Gesundheit von Frauen zunehmend als eigenständiges gesundheitspolitisches Thema verstanden wird.

Autor/inSarah Bünter
6 Minuten Lesezeit05. Oktober 2026

Wer die Gesundheitspolitik in den letzten Monaten etwas enger verfolgte, stellte fest, dass das Thema Frauengesundheit eine zunehmend bedeutendere Rolle einnimmt. Während früher Themen rund um die Reproduktion im Fokus standen, findet heute die Frauengesundheit in allen Lebensphasen Eingang in die Politik. 

Mit dem Postulat «Gesundheit der Frauen. Bessere Berücksichtigung ihrer Eigenheiten» und dessen Annahme durch den Nationalrat im Jahr 2020 gelang ein Durchbruch in der Frauengesundheit auf Bundesebene. Der Bundesrat wurde damit beauftragt aufzuzeigen, wie die Anliegen von Frauen in Forschung, Prävention und der Versorgung besser berücksichtigt werden können. Der daraus entstandene umfassende Bundesratsbericht zur Frauengesundheit führte zu unterschiedlichen Massnahmen, unter anderem zum Nationalen Forschungsprogramm zur Gendermedizin. 

Warum die Medizin die spezifischen Bedürfnisse von Frauen bis heute nur unzureichend berücksichtigt, lässt sich historisch erklären.

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Frauenmedizin immer noch im Rückstand – aber warum?

Gemäss dem Bericht des Bundesrates ignorierten die Grundlagenforschung und die klinische Forschung die Unterschiede der biologischen Geschlechter bis Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend. So galt der männliche Körper als Norm und der weibliche Körper nahm man als miniaturisierende Version wahr. 

Auch der Mythos, der durch den Reproduktionszyklus bedingten Variabilität sowie die Angst vor bestehenden Schwangerschaften und deren Auswirkungen auf die Forschung sind weitere Erklärungen für den Ausschluss der Frauen aus der Forschung.

Die Folge: Biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern wurden lange Zeit kaum betrachtet, sofern sie nicht direkt die Sexualorgane betrafen. Obwohl zunehmend nach biologischem Geschlecht differenziert wird, analysieren auch heute noch wenige Studien die Auswirkungen auf Sicherheit und Wirksamkeit von Behandlungen nach Geschlecht. Wie der Bericht des Bundesrates festhält, wirkt sich das auf die Gesundheitsversorgung und insbesondere auf die Qualität der Behandlung für Frauen aus.

Dabei zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen industrieller und akademischer Forschung. In klinischen Studien, die von der Industrie finanziert werden, ist das Verhältnis von Frauen und Männern in den Stichproben meist ausgewogener als in akademischen Untersuchungen. Ein Grund dafür sind die internationalen ICH-Richtlinien, die Anforderungen an die Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteln festlegen. 

Um diesem Problem entgegenzuwirken, schlug der Bundesrat einen neuen Gesetzesartikel vor, der den Einbezug relevanter Personengruppen in klinische Studien und andere Forschungsprojekte mit Personen stärken soll. Der hierfür neu geschaffene Artikel 2 Bst. c der Humanforschungsverordnung wurde bereits kurz nach Veröffentlichung des Berichtes im Jahr 2024 umgesetzt. Dessen Auswirkung wird sich wohl erst in den nächsten Jahren beurteilen lassen. Die Geschichte zeigt aber auch, dass ein medizinischer Fortschritt mit gesellschaftlichem Wandel einhergeht.

Wechselwirkung zwischen Medizin, Gesellschaft und Politik

Die Universität Basel hält in ihrem Beitrag «Der Einfluss des Gesellschaftlichen Wandels auf die Frauenmedizin» fest, dass sich frauenmedizinischer und gesellschaftlicher Fortschritt in den letzten Jahrzehnten gegenseitig beeinflusst haben. Die Forschung zur Frauengesundheit konzentrierte sich lange auf reproduktive Themen, während mit dem gesellschaftlichen Wandel zunehmend weitere Aspekte der Frauengesundheit in den Fokus rückten. So entwickelte sich die Gynäkologie vom Fokus auf dem kleinen Becken zu einem interdisziplinären Fachgebiet, das Frauen in allen Lebensphasen begleitet.

In dieser Wechselwirkung zwischen Forschung und Gesellschaft fällt der Politik oftmals die Rolle der Ermöglicherin zu. Sie fördert Forschung, schafft Rahmenbedingungen für deren Umsetzung in der Praxis und greift gesellschaftliche Anliegen auf. So wurden nicht zuletzt dank politischer Vorstösse neue wissenschaftliche Erkenntnisse finanziell überhaupt ermöglicht. 

Umgekehrt geben öffentliche Debatten oft wichtige politische Impulse. Tabubrüche zu Themen wie Wechseljahre, Menstruationsbeschwerden oder auch der offenere Umgang mit geschlechtersensibler Medizin durch Betroffene, Verbände und Medien führen zu einer Sichtbarkeit und auch politischem Druck. Ein Beispiel hierfür ist die Petition «Endometriose. Geben Sie Betroffenen eine Stimme!» der Schweizerischen Endometriose-Vereinigung, welche zu einem Kommissionspostulat und nach Annahme im Parlament zu dem Bericht «Strategie für die frühzeitige Erkennung von Endometriose» geführt hat. 

Steigender Frauenanteil führt nicht zwingend zu mehr, aber spezifischeren Vorstössen

Internationale Studien weisen einen positiven Zusammenhang zwischen der Anzahl Angehörigen einer betroffenen Gruppe und dem Einfluss im politischen Diskurs nach. Auch in der Schweiz kann eine solche Tendenz festgestellt werden. Gerade das Postulat, welches einen umfassenden Bericht zur Frauengesundheit herbeiführte, wurde im Rekordfrauenwahljahr 2019 eingereicht und im Jahr darauf auch angenommen. Zwar lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen der Anzahl an Vorstössen und dem Frauenanteil feststellen, wie die nachfolgende Grafik zeigt:

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Quelle: Die Bundesversammlung — Das Schweizer Parlament, Analyse in Curia Vista mit Filter «Gesundheit, Frau» und Anzahl Parlamentarierinnen (eigene Darstellung)

Hinweis: Der Filter «Gesundheit, Frau» ist sehr breit gewählt, weshalb hierunter alle Themen mit diesen Stichwörtern berücksichtigt werden. Deshalb fliessen auch politische Geschäfte nur mit indirekten Bezügen zur Frauengesundheit in die Übersicht ein.

Dennoch lässt sich mit einem kurzen Blick in die Vorstösse feststellen, dass über die Jähre die Vorstösse rund um das Thema Frauengesundheit immer spezifischer wurden und zunehmend alle Lebensphasen in den Fokus rückten.

In Bezug auf die Wirkung lässt sich der Einfluss einer Personengruppe aber auch nicht allein anhand der Anzahl von Vorstössen beurteilen. Entscheidend ist vielmehr, welche Vorstösse vom Parlament angenommen wurden und welche Fortschritte damit erzielt werden konnten. 

Ganz unbedeutend sind die Männer aber nicht. Wichtige vom Parlament angenommene Vorstösse, wurden von einer Kommission eingereicht, wie beispielsweise die Motion «Förderung von Forschung und Therapie für spezifische Frauenkrankheiten» oder das Postulat «Strategie für die frühzeitige Erkennung von Endometriose». Zum Thema Endometriose hat aber auch ein Nationalrat selbst eine Motion mit dem Ziel zur stärken Förderung der Forschung rund um die Endometriose eingereicht. Diese wurde vom Nationalrat zwar angenommen, dann vom Ständerat aber abgelehnt. Womit sie keine Massnahmen erwirkte.

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Frauengesundheit im Fokus

Von September bis Oktober nimmt sich der SWICA-Newsroom dem Fokusthema «Frauengesundheit» an. Dabei werden die beiden frauenspezifischen Themen Endometriose und Menopause aus politischer, psychologischer und gesundheitlicher Perspektive beleuchtet. 

Die Beiträge finden sich in der SWICA-Gesundheitswelt.

Frauengesundheit findet ihren Platz auf der politischen Agenda

Das Wort «Frauengesundheit» tragen nur acht Vorstösse wortwörtlich so im Titel und diese wurden alle von Frauen eingereicht. Der erste Vorstoss war eine Motion mit dem Titel «Schaffung einer Zentralstelle für Frauengesundheit beim Bund»  und stammt aus dem Jahr 1998. Zu diesem Zeitpunkt waren im Parlament erst 52 der 246 Sitze von Frauen besetzt. Die Motion wurde jedoch später von der Motionärin zurückgezogen. 

Aus heutiger Sicht ist dieser Vorstoss spannend und bemerkenswert, da viele der darin angesprochenen Themen, etwa geschlechterspezifische Forschung, Versorgungslücken und die Berücksichtigung der Lebensrealitäten von Frauen, erst rund 25 Jahre später mit dem Bundesratsbericht zur Frauengesundheit wieder prominent auf die gesundheitspolitische Agenda gelangten.

Ein nächster wichtiger Schritt steht bevor. Zwei gleichlautende Postulate mit dem Titel «Frauengesundheit in der Lebensmitte. Handlungsbedarf bei Menopause und Perimenopause für bessere Gesundheit und weniger Absenzen am Arbeitsplatz» wurden vom Bundesrat teilweise zur Annahme empfohlen. Jetzt liegt der Ball beim Ständerat. Das Thema dürfte die Politik bis dahin weiterhin beschäftigen.

Dieser Beitrag berücksichtigt die politikwissenschaftliche Forschung zum Frauenanteil und die Entwicklung von frauenspezifischen Anliegen. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Zunahme von Vorstössen zur Frauengesundheit in der Schweiz wurde bislang nicht direkt wissenschaftlich untersucht. Dieser Beitrag basiert nicht auf einer wissenschaftlichen Untersuchung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Themen in diesem Beitrag:
Frauengesundheit

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