KTG-Obligatorium: Entlastung oder zusätzliche Bürde?
Hohe Abdeckung in aktuellem System
Laut einer aktuellen Ecoplan-Studie im Auftrag des Bundes sind rund 84 Prozent der Berufstätigen über ihren Arbeitgeber freiwillig kollektiv krankentaggeldversichert. Weitere Absicherungen erfolgen über individuell bevorzugte betriebliche Lösungen oder Einzelversicherungen. Zudem schreiben viele Gesamtarbeitsverträge bereits eine KTG-Versicherung vor. Trotzdem wird im nationalen Parlament nun über ein Obligatorium diskutiert.
Branche setzt auf Koordination
Die Versicherungsbranche lehnt diese Forderung ab und hat stattdessen ihr Freizügigkeitsabkommen weiterentwickelt. Dieses regelt verbindlich die Übertritte zwischen Versicherern, mindert Risiken durch Selektion und definiert die Zuständigkeit bei laufenden Schadenfällen. So werden in Zukunft Arbeitgeber, die ohne eigenes Verschulden keine Versicherung finden, einem Anbieter zugewiesen. Dies betrifft gemäss der Studie heute 0,5 Prozent aller Unternehmen.Pro
«Heute sind Erwerbstätige im Fall von Krankheit und teilweise auch bei Unfall oft schlecht abgesichert. Das führt zu sozialen Problemen und Härten, namentlich bei länger andauernden Krankheitsabsenzen. Zur Krankheitslast kommen dann noch finanzielle Sorgen, die die Genesung zusätzlich belasten. Auch für die Unternehmen sind Krankheitsausfälle teuer. Zwar schliessen viele Firmen eine freiwillige KTG- Versicherung ab. Weil es kein Obligatorium gibt, werden aber immer wieder Firmen von einer Versicherung abgelehnt, was ein grosses Problem darstellt. Und wenn sie eine Versicherung abschliessen, bezahlen sie hohe Prämien. Nach Krankheitsfällen folgen meist happige Prämienaufschläge. Auch für Selbstständigerwerbende ist es oft schwierig, überhaupt eine KTG-Versicherung zu finden. Bei verschiedenen KTG-Angeboten gibt es zudem im Gegensatz zur obligatorischen Krankenversicherung eine Geschlechterdiskriminierung mit höheren Prämien für Frauen. Das erhöht die Prämienlast bei Betrieben mit hohem Frauenanteil. Selbst ein Arbeitsausfall in der Schwangerschaft kann zur Prämienerhöhung führen. Um all diese Unsicherheiten und Ungerechtigkeiten aus dem Weg zu räumen, braucht es ein KTG-Obligatorium. Nur so gibt es eine Verpflichtung für gleiche Prämien und einen Risiko- oder Lastenausgleich. So wird nicht jeder Krankheitsfall zum Risiko und führt zu höheren Prämien.»
Barbara Gysi
Nationalrätin SP
Contra
«Das Krankentaggeld hat in den letzten Jahren für viele Menschen an Bedeutung gewonnen. Denn leider kommt es immer häufiger vor, dass jemand wegen physischer oder psychischer Probleme bei der Arbeit ausfällt. Das hat die Prämien für viele Betriebe ansteigen lassen, in manchen Fällen auch zu Kündigungen geführt. Deshalb ein KTG-Obligatorium zu fordern, halte ich aber für falsch. 84 Prozent aller Angestellten sind heute versichert. 80 Prozent der Unternehmen, die keine Versicherung haben, verzichten bewusst darauf und treffen andere Massnahmen. Für alle anderen hat die Branche bereits eine Lösung: Das bestehende Freizügigkeitsabkommen wird auf den 1. Januar 2027 punkto Versicherbarkeit und Prämiendeckelung angepasst. Wer unverschuldet ohne Vertrag ist, wird automatisch einem Versicherer zugewiesen. «Wer unverschuldet ohne Vertrag ist, wird automatisch einem Versicherer zugewiesen.»
Ein Obligatorium ist aber nicht nur unnötig, es richtet auch Schaden an. Heute haben Arbeitgeber und Versicherer ein gemeinsames Interesse, die Arbeitsausfälle möglichst tief zu halten. Das gelingt mit abgestimmter Prävention und professionellem Care Management. Und weil unsere Kundinnen und Kunden nicht gezwungen sind, sich bei uns zu versichern, haben wir einen Anreiz, uns stetig zu verbessern. Dieser Antrieb ginge mit einem Obligatorium verloren. Und übrigens: Bei den Angeboten von SWICA gibt es keinerlei Ungleichbehandlung der Geschlechter.»

Reto Dahinden
CEO SWICA
Betriebliches Gesundheitsmanagement
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