«Weicheier sind wir definitiv nicht»
Gen Z, die erste Generation, die mit digitalen Technologien und Sozialen Medien aufgewachsen ist, leidet. Sie leidet an Depressionen, an Schlafstörungen, an Ängsten. Sie leidet aber vor allem unter der Generalisierung, eine verweichlichte Generation zu sein. Eine Generation, die vermeintlich alles hat und nichts mehr dafür leisten muss. Philipp S. ist erst 17 Jahre alt und fragt sich als Digital Native, ob ihn die künstliche Intelligenz irgendwann einmal überflüssig machen wird. Ob er sich jemals eine Familie aufbauen, ein Haus leisten und erfolgreich im Job sein kann. Zwei Drittel seiner Klasse sind im Moment provisorisch. «Der Leistungsdruck schlägt uns allen auf die Psyche. Ich schlafe wenig und durch den Lernstress haben meine sozialen Kontakte abgenommen, andere geben sogar ihre Hobbies auf.» Müde sieht er aus. Wie einer, der es leid ist zu leiden und im Moment trotzdem keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle sieht.
Ein 2025 erschienener Bericht der UNICEF zeigt auf, dass sich multiple Krisen wie Konflikte, Klimawandel oder wirtschaftliche Unsicherheiten negativ auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirken. Über 400 Personen zwischen 14 und 25 Jahre wurden in der Schweiz dazu befragt, und 52 Prozent fühlen sich von diesen globalen Ereignissen überwältigt. Auch das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) hat seinen Nationalen Gesundheitsbericht 2025 dem Thema psychische Gesundheit gewidmet. Er zeigt auf, dass psychische Erkrankungen verbreitet sind und alle Altersgruppen in unserem Land betreffen. Gemäss Obsan ist die psychische Belastung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits vor der Pandemie gestiegen und hat sich durch Covid-19 verstärkt. Bei den 11- bis 15-Jährigen hat der Anteil mit multiplen wiederkehrenden oder chronisch psychoaffektiven Beschwerden wie Ängstlichkeit, Gereiztheit, schlechte Laune oder Einschlafschwierigkeiten seit 2018 zugenommen und ist bis 2022 auf 47 Prozent gestiegen.
Schwierigkeiten in sensible Phasen können psychische Probleme auslösen
Für Michelle Signer, Psychologin bei santé24, ist der Lockdown während der Pandemie ein Indiz dafür, wie wichtig das Erfüllen der Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen ist, und welche Auswirkungen es haben kann, wenn diese Schritte nicht gemacht werden können: «Wenn sensible Phasen in der Entwicklung nicht gut bewältigt werden, können psychische Probleme daraus entstehen». Das können schulische Probleme, ein misslungener Übertritt in die Berufswelt, fehlende Freundschaften oder Schwierigkeiten in der Ablösung vom Elternhaus sein. Faktoren wie zunehmender Leistungsdruck, digitale Belastungen durch Social Media oder körperliche Beschwerden wie Schlaf- und Konzentrationsprobleme können die Situation zusätzlich erschweren. Michelle Signer verfolgt in den Beratungen der psychologischen Familiensprechstunde einen systemischen Ansatz: «Man darf Kinder und Jugendliche nicht isoliert betrachten, es geht um ihr gesamtes Umfeld. Das kann die schulische Situation, die familiäre Dynamik oder auch die psychische Belastung der ganzen Familie sein». Gleichzeitig betont sie die Bedeutung früher Warnsignale wie Rückzug oder Stimmungsschwankungen und den Einfluss von Schutzfaktoren wie stabilen Bezugspersonen und verlässlichen Alltagsstrukturen. Die Themen in ihren Beratungen reichen von der Begleitung bei einer ADHS-Abklärung, über Mobbing, Uneinigkeiten bei Erziehungsfragen bis zu praktischen Anleitungen im Alltag für den Umgang mit psychischen Erkrankungen. Wird weitere Hilfe benötigt, verweist die Psychologin auf Fachstellen wie kinder- und jugendpsychiatrische Dienste oder Sucht- und Paarberatungen.
Austausch mit Kindern suchen, statt Druck aufbauen
Eltern wie auch Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren können sich melden, um von der kostenlosen Beratung für SWICA-Versicherte zu profitieren. Für die Psychologin gilt die Schweigepflicht; so können die Kinder und Jugendlichen frei von ihren Sorgen berichten. Signer rät Eltern, den Austausch mit ihren Kindern zu suchen, anstatt noch mehr Druck aufzubauen. Denn psychische Auffälligkeiten können unbemerkt das Risiko für eine spätere Depression oder andere psychische Erkrankungen erhöhen. Im Moment erarbeitet SWICA deswegen ein Resilienztraining für Eltern, um sie zu sensibilisieren und darin zu stärken, auf das Wohlbefinden ihrer Kinder positiv Einfluss zu nehmen.
Philipp ist dankbar, dass seine Familie die Pandemie überstanden hat. Bei einigen Freunden und Kollegen sei die Familie auseinandergebrochen, was sich negativ auf ihr Wohlbefinden ausgewirkt habe. «Manche haben ihre Lehre abgebrochen, andere versuchen sich mit Substanzen zu betäuben». Es sei schwierig, ihnen helfen zu wollen, «ich möchte mich aber aktiv in dieses Thema einbringen». Von seinem Prorektor angefragt, nahm er deshalb im letzten Jahr an einem Treffen verschiedener Organisationen teil, die Wege finden möchten, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Was er sich denn im Moment am meisten wünsche? «Dass uns die Erwachsenen zuhören, sich in unsere Situation versetzen. Denn Weicheier sind wir definitiv nicht».
Kostenlose Familiensprechstunde für SWICA-Versicherte
Als Gesundheitsorganisation möchte SWICA Familien in allen Lebensphasen unterstützen. Ein Familiencoach berät in den Bereichen Gesundheit, Wohlbefinden, Kinderbetreuung oder alternative bzw. traditionelle Therapien. Die psychologische Familiensprechstunde nimmt sich Themen rund um die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Familien an. Das Angebot ist kostenlos, wenn ein Familienmitglied eine Grund- oder eine Zusatzversicherung bei SWICA abgeschlossen hat.
Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.