«Rheuma ist der unsichtbare Elefant im Schweizer Gesundheitswesen»

In der Schweiz sind 2,8 Millionen Menschen von rheumatischen Erkrankungen betroffen und dennoch bleibt die Krankheit oft unsichtbar. Annette Stolz, Geschäftsleiterin der Rheumaliga Schweiz, zeigt auf, warum Aufklärung allein nicht genügt, wo die grössten Versorgungslücken liegen und weshalb Bewegung trotz Schmerzen oft die beste Medizin ist.

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Autor/inFabian Reichle
5 Minuten Lesezeit12. Oktober 2026

Frau Stolz, Sie nennen Rheuma den «unsichtbaren Elefanten» im Schweizer Gesundheitswesen. Warum?

Rheuma betrifft rund 2,8 Millionen Schweizerinnen und Schweizer und ist trotzdem erstaunlich wenig sichtbar. Das liegt auch daran, dass Rheuma nicht eine einzelne Krankheit ist, sondern eine Krankheitsgruppe mit rund 200 verschiedenen Diagnosen. Es gibt entzündliche und nicht entzündliche Formen, ganz unterschiedliche Verläufe und Betroffenengruppen. Diese Komplexität macht die Sensibilisierung so schwierig – und gleichzeitig so wichtig.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen in der Rheumaversorgung?

Ich sehe drei zentrale Versorgungslücken. Erstens fehlt oft die gesundheitspolitische Priorisierung muskuloskelettaler Erkrankungen. Zweitens ist die Versorgung stark fragmentiert: Die Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxen, Fachärztinnen und -ärzten sowie weiteren Beteiligten funktioniert nicht immer optimal. Drittens fehlt vielen Betroffenen das Wissen und die Unterstützung, um ihre Erkrankung aktiv zu managen.

Rheumaliga Porträtaufnahmen Annette Stolz
«Erleidet jemand ohne erkennbaren Anlass einen Knochenbruch, wird der Bruch behandelt, aber die zugrunde liegende Osteoporose wird häufig nicht weiter abgeklärt.»

Annette Stolz

Geschäftsleiterin der Rheumaliga Schweiz

Was bedeutet diese Fragmentierung konkret?

Ein gutes Beispiel ist Osteoporose. Erleidet jemand ohne erkennbaren Anlass einen Knochenbruch, wird der Bruch behandelt, aber die zugrunde liegende Osteoporose wird häufig nicht weiter abgeklärt oder konsequent behandelt. Dabei müsste genau das ein Warnsignal sein. Solche Brüche sind oft der Moment, in dem man genauer hinschauen müsste.

Sie sprechen von Versorgungslücken. Wie begegnet die Rheumaliga diesen?

Wir fragen immer zuerst: Wo liegt das eigentliche Problem? Welche Versorgungslücke besteht? Erst danach entwickeln wir eine Lösung. Uns ist wichtig, dass unsere Angebote wissenschaftlich fundiert sind und tatsächlich etwas bewirken. Wenn die fachliche Grundlage stimmt, lässt sich Wirkung auch messen.

Wie messen Sie, ob eine Kampagne erfolgreich ist?

Bei unserer Osteoporose-Kampagne haben wir beispielsweise einen kostenlosen Online-Osteoporose-Risiko-Check entwickelt. Dort sehen wir, wie viele Menschen das Angebot nutzen, wie viele den Check vollständig absolvieren und welche Erkenntnisse sich aus weiteren Befragungen ergeben. So können wir beurteilen, ob wir Menschen erreichen und ihre Gesundheitskompetenz stärken.

Wissenschaftliche Fundierung scheint für die Rheumaliga zentral zu sein.

Absolut. Das war bereits in unseren ersten Statuten verankert. Informationen sollen verständlich und leicht zugänglich sein, aber gleichzeitig fachlich fundiert. Deshalb evaluieren wir unsere Angebote regelmässig und prüfen, ob sie tatsächlich den gewünschten Nutzen bringen.

Osteoporose-Risiko-Check

Osteoporose entwickelt sich oft unbemerkt und wird häufig erst nach einem Knochenbruch erkannt. Daher lanciert die Rheumaliga Schweiz im Rahmen einer neu lancierten Kampagne einen kostenlosen Osteoporose-Risiko-Check.

Interessierte erhalten dabei in wenigen Minuten eine erste Einschätzung möglicher Risikofaktoren und Hinweise, wie sie ihre Knochengesundheit aktiv stärken können. Der Check ersetzt keine Diagnose, kann aber ein wichtiger erster Schritt sein, um frühzeitig aktiv zu werden. Jetzt Check starten.

Ein zentrales Stichwort Ihrer Arbeit ist Selbstmanagement. Warum?

Weil hier ein enormer Hebel liegt. Rheumatische Erkrankungen lassen sich häufig nicht heilen, aber man kann die Lebensqualität wesentlich verbessern. Wir wissen, dass viele chronisch kranke Menschen Schwierigkeiten haben, ihre Erkrankung aktiv zu managen. Wer jedoch versteht, wie die Krankheit funktioniert und was im Alltag hilft, kann oft deutlich besser damit leben.

Wie unterstützt die Rheumaliga dabei?

Wir sprechen von unseren drei Bs: Bildung, Beratung und Bewegung. Bildung bedeutet fundierte Informationen, beispielsweise über unsere Website oder unseren Podcast «Rheuma persönlich». Beratung umfasst kostenlose Unterstützung durch ein interdisziplinäres Fachteam. Und Bewegung schliesslich ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit: Wir bieten schweizweit Kurse an, die speziell auf Menschen mit rheumatischen Erkrankungen ausgerichtet sind und bilden deren Kursleitende fort.

Bewegung trotz Schmerzen – für viele klingt das widersprüchlich.

Das begegnet uns häufig. Viele Menschen glauben, Schmerzen seien ein Zeichen dafür, dass man sich schonen sollte. Bei vielen rheumatischen Erkrankungen gilt jedoch oft das Gegenteil. Wer sich gar nicht mehr bewegt, verschlechtert die Situation häufig zusätzlich.

Auch bei Osteoporose bestehen viele Missverständnisse. Manche glauben, brüchige Knochen müssten möglichst wenig belastet werden. Dabei können gezielte Belastungsreize das Knochenwachstum fördern. Solche Mythen aufzuklären, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Warum haben Sie Osteoporose als Schwerpunktthema gewählt?

Weil hier eine klar erkennbare Versorgungslücke besteht. Osteoporose ist weit verbreitet, wird aber häufig zu spät erkannt. Gleichzeitig wissen wir, dass beim Thema Knochengesundheit grosse Wissenslücken bestehen. Das passt sehr gut zu unserer Rolle als unabhängiges Fachzentrum, das Menschen informiert, befähigt und begleitet.

Rheumaliga: eine der grössten Patientengruppen der Schweiz

Die Rheumaliga vertritt 2,8 Millionen Rheumabetroffene, darunter auch Kinder. Sie ergänzt die medizinische Versorgung dort, wo Betroffene und Fachpersonen Unterstützung brauchen. Mit den drei Schwerpunkten Bildung, Beratung und Bewegung gibt die Rheumaliga allen Rückenwind, die mit Rheuma leben oder arbeiten.

Die Organisation wurde 1958 als nicht gewinnorientierter Verein gegründet und finanziert ihre Arbeit vorwiegend durch Spenden, Partnerschaften und Leistungsverträge. Damit sie ihre vielseitigen Angebote zugänglich machen kann, ist sie auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Zur Rheumaliga Schweiz.

Steht Osteoporose stellvertretend für viele andere rheumatische Erkrankungen?

In gewisser Weise schon. Osteoporose ist lange eine stille Erkrankung. Oft wird sie erst sichtbar, wenn ein Bruch auftritt. Diese Unsichtbarkeit ist eine Parallele zu vielen rheumatischen Erkrankungen insgesamt.

Deshalb ist Wissen rund um unseren Bewegungsapparat so wichtig. Wir könnten oft sehr früh etwas tun, bevor schwere Folgen entstehen. Und das Wichtigste ist: Es ist nie zu spät, aktiv zu werden und die eigene Lebensqualität positiv zu beeinflussen.

Welche Rolle sollten Krankenkassen in diesem Bereich spielen?

Ich sehe grosses Potenzial für eine engere Zusammenarbeit. Die Rheumaliga bringt Fachwissen und direkte Nähe zu den Betroffenen mit. Krankenkassen haben wiederum Kontakt zu den Versicherten und ein Interesse daran, dass Menschen ihre Gesundheit möglichst gut selbst managen können. Hier gibt es sicher noch Möglichkeiten, stärker zusammenzurücken und Angebote gezielter miteinander zu vernetzen.

Sie wirken trotz der Herausforderungen sehr optimistisch. Woher kommt das?

Ich glaube daran, dass man Systeme schrittweise verbessern kann. Wenn man versteht, wie ein Problem entsteht, kann man pragmatische Lösungen entwickeln und Veränderungen anstossen.

Vielleicht hängt das auch mit meiner persönlichen Geschichte zusammen. In meiner Familie lebt seit der Kindheit jemand mit einer chronischen Erkrankung. Dadurch habe ich früh gesehen, welche Leistungen Betroffene jeden Tag erbringen. Das beeindruckt mich bis heute.

Seit gut zwei Jahren führen Sie die Rheumaliga Schweiz. Was möchten Sie erreichen?

Mein Ziel ist es, die Rheumaliga erfolgreich in die Zukunft zu führen. 2028 feiern wir unser 70-jähriges Bestehen. Ich möchte dazu beitragen, dass die Organisation auch in den kommenden Jahrzehnten all jenen, die mit Rheuma leben oder arbeiten, Rückenwind gibt.

Viele verbinden Innovation nicht automatisch mit der Rheumaliga. Dabei gehört sie seit jeher zu unserer DNA. Gleichzeitig glaube ich fest daran, dass Menschen Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen können – wenn sie Wissen, Unterstützung und manchmal auch etwas Ermutigung erhalten. Genau dafür setzen wir uns ein.

Wie können wir Ihnen helfen?

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