Seit dem 1. Juli ist im Schweizer Zivilgesetzbuch festgehalten, dass Kinder ohne Anwendung körperlicher Gewalt oder anderer Formen der Erniedrigung erzogen werden sollen. Doch Erhebungen zeigen, dass Schläge und Beschimpfungen noch immer weit verbreitet sind. Was können Eltern tun, um auch in stressigen Situationen die Kontrolle nicht zu verlieren?
Es gibt im Leben kaum eine schönere und gleichzeitig verantwortungsvollere Aufgabe, als Kinder zu erziehen und bei ihrem Aufwachsen zu begleiten. Doch wie wohl fast alle Eltern aus eigener Erfahrung wissen, kann es dabei zu Situationen kommen, die selbst den geduldigsten Menschen an seine Grenzen bringen. Meist kommen dann verschiedenste Faktoren zusammen: zum Beispiel Stress bei der Arbeit, in der Partnerschaft, im Haushalt und ein Kind, das Grenzen austestet und einen bis zum Äussersten fordert. So können Momente der absoluten Überforderung entstehen.
Wie lässt sich verhindern, dass man in einer solchen Situation im Affekt etwas tut oder sagt, das man später bereut? Für Barbara Thürig, Psychologin und Psychotherapeutin bei der Onlinepraxis santé24, gibt es eine Grundregel: «Unterbrechen sie die Situation sofort, um die körperliche und emotionale, sprich seelische Sicherheit des Kindes zu wahren.» Eine solche Stressspirale lasse sich rechtzeitig stoppen, bevor sie in ein lautes Anschreien oder gar eine Ohrfeige münde.
Im allerersten Moment geht es darum, die aufkommende Wut zu regulieren. Thürig empfiehlt, sofort körperliche Distanz zu schaffen, indem man den Raum verlässt (sofern das Kind an einem sicheren Ort ist). Falls möglich, sollte man das klar und deutlich kommunizieren, sowohl für sich selbst, wie auch als Signal ans Kind: «Ich bin grade sehr wütend. Ich muss kurz vor die Tür gehen.»
Als Nächstes hilft ein «Freeze»-Impuls: einmal tief ausatmen, die Schultern fallen lassen und beide Hände zu Fäusten ballen. Ebenfalls sinnvoll ist gemäss Thürig ein sensorischer Schock – beispielsweise das Gesicht unter eiskaltes Wasser zu halten –, um das Nervensystem zu regulieren.
Um aus dem Zustand der Wut herauszukommen, ist die 4-7-8-Atemtechnik hilfreich: Vier Sekunden lang durch die Nase einatmen, sieben Sekunden lang den Atem anhalten und dann langsam über acht Sekunden mit leicht offenem Mund ausatmen. Ergänzend oder alternativ dazu kann man auch ein Notfall-Mantra aufsagen: «Das Kind macht das nicht gegen mich. Es ist selbst überfordert und ausser sich.»
Die Wut rauslassen kann auch mit Krafteinsatz funktionieren. Anstatt aber irgendwelche Dinge zu zertrümmern ist es sinnvoller, zehn schnelle Kniebeugen zu machen oder sich mit beiden Händen kraftvoll gegen eine Wand zu drücken.
Wer in einer solchen Überforderungssituation allein ist, greift am besten zum Telefon, um sich einer Vertrauensperson mitzuteilen. Das kann die Partnerin oder der Partner, ein guter Freund oder jemand aus der Verwandtschaft sein. Thürig empfiehlt, eine klare Ansage zu machen: «Ich kann gerade nicht mehr. Rede einfach kurz mit mir.»
Um sich langfristig besser für solche Situationen zu wappnen, ist es sinnvoll, auf frühe Warnzeichen bei sich selbst zu achten. Wenn sich der Kiefer verspannt, das Herz zu rasen beginnt oder die Stimme plötzlich einige Dezibel lauter wird, ist die Stressspirale in Gang gekommen und sollte gestoppt werden. Umgekehrt können Situationen, die wiederholt triggern oder gar eskalieren (beispielsweise das Bereitmachen für den Kindergarten), entschärft werden, indem bewusst Zeitpuffer eingeplant werden.
Schlafmangel ist ein Problem, das vor allem im Kleinkindalter viele Eltern begleitet, und chronische Müdigkeit verschlechtert die Impulskontrolle massiv. Dagegen hilft gemäss Barabara Thürig nur eines: «Priorisieren sie Schlaf radikal vor Haushalt oder Erledigungen, die noch warten können.»
Wer wiederholt an seine Grenzen kommt, sollte nicht damit zuwarten, sich Unterstützung zu holen. «Es ist wichtig, Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor alles aus den Fugen gerät», sagt Thürig. Eine Familienberatung kann in Krisen und Konflikten konkret unterstützen und dabei helfen, Lösungen für belastende Situationen zu erarbeiten.
Und wenn man trotz aller Massnahmen einmal die Kontrolle verliert? Für Barbara Thürig ist es dann ganz entscheidend, dass man sich sofort beim Kind entschuldigt und ihm so gut wie möglich wieder Sicherheit vermittelt. «Ein solches Erlebnis ist für jedes Kind ein Bruch in der Elternbeziehung und extrem schwierig zu verarbeiten. Darum sollte man versuchen, ihm die eigene Situation zu erklären und anschliessend professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.»